Zugegeben: Neu ist das Thema - Secondhandshops- nicht. Auch Die
Geschäftsidee hat in den vergangenen Jahren immer wieder
über originelle oder lukrative Gründungen und Konzepte
berichtet. Und doch hat sich der Markt auch bei uns entscheidend
gewandelt. Nicht nur wegen eBay, das inzwischen Milliarden-Euro-Umsätze
mit seiner virtuellen Auktionsplattform erzielt.
Von kaum jemandem beachtet, hat sich gleichsam im Selbstlauf eine
Branche um- oder vielmehr neuorganisiert, die bis dahin ein Schattendasein
führte. Wie in Frankreich und Belgien, wo Nobel-Flohmärkte
seit längerem florieren und Gebrauchtwaren-Franchise-Kaufhäuser
à la Troc International mittlerweile Umsätze im dreistelligen
Millionen-Euro-Bereich erzielen, drängen endlich auch die deutschen
Secondhandshops ans Sonnenlicht.
- Die Branche erlebt gegenwärtig einen ähnlichen Wandel,
wie ihn ALDI mit seinem Sortiment durchgemacht hat. Hummer statt
Dosenwurst, Champagner statt Wermut heißt die Devise- , sagt
Felizitas Pokora vom nordrhein-westfälischen Verbund für
Ökologie und soziales Wirtschaften - netz NRW- , in dem 362
Mitgliedsbetriebe organisiert sind.
Verlässliche statistische Zahlen gibt es für die Secondhand-Branche
hier zu Lande noch nicht, auch deshalb, weil sich erst jetzt ein
Bundesverband mit entsprechenden Mitglieder-Umfragen zu etablieren
beginnt. Das Statistische Bundesamt führt lediglich eine Statistik
über - Einzelhandel mit sonstigen Gebrauchtwaren- , die jedoch
keine Gebrauchtautohändler und Trödler berücksichtigt,
mithin nur halbwegs als repräsentativ für die Branche
angesehen werden kann. Demnach stiegen Zahl und Umsatz der steuerpflichtig
erfassten Betriebe von bundesweit 4.519 im Jahr 1998 (= 1,841555
Mrd. Mark) auf 4.632 ( = 1,100.922 Mrd. Euro) in 2000. Die Zahlen
für die Vorjahre lagen bei Redaktionsschluss im Mai noch nicht
vor; die erfragte Steigerung um knapp eine halbe Million Mark dürfte
aber am unteren Ende der tatsächlichen Bilanzen liegen.
So hat die jüngste Mitgliederumfrage des Münsteraner
Quasi-Bundesverbandes der Secondhandhändler - Second-Hand vernetzt-
(siehe Interview auf S. ...) eine Steigerung der Vorjahres-Umsätze
um fünf bis 45 Prozent ergeben. - Wir haben 6.000 Adressen
von Secondhand-Geschäftsadressen in unserer Kartei. Es gibt
derzeit einen wahren Boom, alles ist im Aufbruch und gründet
Secondhandshops auf immer professionellerem Niveau- , beschreibt
die Verbandsvorsitzende Daniela Kaminski das neue - Goldrush- -Fieber
der Branche. Auf mittlerweile 10.000 solide geführte Betriebe,
abzüglich Gebrauchtautohändler, schätzt der Verband
die Größe der heimlichen Branchenstreitmacht bundesweit.
Die - Dunkelziffer- dürfte noch viel höher liegen.
Ein weiterer wichtiger Hebel zur Professionalisierung sind neue,
branchenspezifische Fach- und Publikumszeitschriften wie das Münsteraner
Branchenblatt - Second-Hand aktuell- oder die Kundenzeitschrift
- chic & schnack- , deren Titel die veränderte Marschrichtung
andeutet. Die Internet-Plattform www.secondhand-online.de wiederum
deckt erstmals auch die Bedürfnisse der Webuser ab und hat
inzwischen den Rang als bundesweiter Branchenführer inne.
Schließlich tragen Innovationen wie das neue, computerunterstützte
Kassen- und Warenwirtschaftssystem - sec-co-system- der Bad Sodener
Entwicklungsfirma Dr. Eckhardt + Partner zu mehr Transparenz, Effizienz
und Schnelligkeit bei der Abwicklung des einst so schwerfälligen
Ladengeschäfts bei. Ein Übriges tun die Bemühungen
der Verbände um ein Gütesiegel der Branche mit entsprechenden
Qualitätsstandards sowie die Einrichtung eines Ausbildungsberufs
zum Gebrauchtwaren-Einzelhandelskaufmann bei. Umgekehrt verschiebt
sich der rechtliche Rahmen, in dem sich die Geschäfte bisher
bewegten; so wird die EU noch in diesem Sommer neue Richtlinien
für die Abfallentsorgung erlassen, was vor allem die Weiße-Ware-Geschäfte
betrifft.
Der zeitgeistige Trend zum Secondhandgeschäft auf hohem Niveau
hat verschiedene Ursachen. Zum einen fordert auch in Deutschland
eine neue Sparsamkeits-, aber auch Anspruchs-Mentalität ihren
Preis erinnert sei nur an den gegenwärtigen, sehr verkaufsträchtigen
Slogan der Kaufhof-Kette - Geiz ist geil- . Zum anderen reagiert
selbst die Humana-Kette mit ihrer Billigkleiderware aus zweiter,
wo nicht dritter Hand, auf das gewandelte Kundenbedürfnis mit
der Einrichtung von Nobel-Ecken in ihren Verkaufsgeschäften.
Neue Zielgruppen werden entdeckt, wie die Generation - 45Plus- ,
- weniger aristokratische Herren mit angegrauten Schläfen,
sondern ältere Individualisten, Stöberer und die Menschen
aus dem Viertel- , so Expertin Daniela Kaminski. Bücher wie
das - Handbuch für Senioren-Marketing- (s. Seite Tipps und
Adressen) haben eine solvente Zielgruppe im Blick, die bei den inzwischen
wohlsituierten - 68ern- nicht endet.
Doch auch die Läden selbst, etwa die Geschäfte für
gehobene Designermode, tragen nicht unerheblich zu einem neuen Bewusstsein
bei, dessen Träger nicht immer gleich auf billige Neuware fliegen,
sondern sich vorher erst einmal anschauen, was die Gebrauchtwarenläden
zu bieten haben; was günstig als Schnäppchen zu erstehen
bzw. zu leihen oder mieten ist. Immer mehr Läden ziehen von
Randlagen in die Innenstädte, bieten mehr oder speziellere
Waren auf größeren Verkaufsflächen an.
Manche Inhaber ergänzen ihr Stammsortiment um wertvolle Zusatzstücke
wie antike Möbel oder Lampen; wieder andere veranstalten Modeschauen
oder PR-trächtige Verkaufsaktionen und binden so die Kunden
von morgen.
Drittens begünstigt der in allwöchentlichen Zeitungsannoncen
dokumentierte, nach Auffassung von Marktbeobachtern - selbstmörderische-
Trend großer Handelsketten, namentlich der Elektrobranche,
zu immer billiger verschleuderten Neugeräten ein Umdenken bei
den Kunden. - Gerade bei weißer Ware ist die Qualität
der gebrauchten, aber sorgsam geprüften Geräte ein wichtiges
Argument für den Verkauf- , weiß etwa Karin Wendlandt,
Chefin der Berliner cool&clean GmbH.
Wichtige Umsatzfaktoren sind vor diesem Hintergrund: Qualität
der Ware, faire Preise, eine anmutige Gestaltung und angemessene
Lage des Geschäfts wie eine professionelle, kundenfreundliche
Verkaufsabwicklung.
Ein maßgeblicher Schwerpunkt ist und bleibt daher das Ladengeschäft,
auch wenn pfiffige Secondhand-Pioniere wie der Dresdener Allround-Unternehmer
Peter Wölki inzwischen das Internet als ideales Verkaufsmedium
bevorzugen, ja ihr komplettes Sortiment fotografiert ins Netz stellen.
Das PRESSEBÜRO SPREETEXT hat für DIE GESCHÄFTSIDEE
exemplarisch drei Erfolgszweige der Branche analysiert und sechs
Secondhandshops im Lande hierzu besucht.
Bestellen
|